1937 erblickte ich das Licht der Welt, wurde mit Spreewasser getauft und durfte auf eine lange Ahnenreihe echter Berliner zurückblicken. Unsere Spezies genießt heute absoluten Seltenheitswert. Schon in der Schule machte sich mein bemerkenswertes Unverständnis, ja, eine tiefe Abneigung gegenüber Zahlen bemerkbar. Ich liebte Buchstaben und ehrte sie mit kleinen Geschichten, Märchen, Erlebnisberichten, holprigen Versen. Die geradezu unbändige Lust am Beobachten und Schreiben bestimmte auch meinen Berufswunsch. Ich wollte unbedingt Journalistin werden - schon zu einer Zeit, als ich Leitartikel noch mit „d“ schrieb, weil ich ihn für eine Traueranzeige hielt. (Später fand ich heraus, daß ich damit oft gar nicht mal so falsch lag.) Vater aber wünschte einen anderen Berufsweg für mich. Sein Pech. Nach einem Jahr Frust als Lehrling in einem Chemiebetrieb desertierte ich und bewarb mich in einem Verlag - in der Hoffnung, mich vielleicht doch noch über eine Hintertreppe in den Traumberuf schleichen zu können. Eine große Illustrierte nahm mich als Sekre- tärin auf. Heimlich begann ich die Manuskripte stilistisch zu bearbeiten und umzuschrei- ben. Als man mich dabei erwischte, freute man sich über den kühnen, phantasiereichen Nachwuchs und bildete mich zur Redaktions-Assistentin aus. Es folgte ein langes, opferreiches Journalistik-Fernstudium in Leipzig an Fachschule und Universität. Inzwischen hatte ich geheiratet und zwei Kinder. Wie fast alle Redakteure der Zeitschrift schrieb auch ich: Reportagen, Porträts, Feuilletons, Reiseberichte, Glossen, Kinderserien... Die Redaktion war seit 1955 mein zweites Zuhause. Der traurige Abschied kam 1991. Aber die Liebe zu den Buchstaben ist geblieben und die unbändige Lust am Schreiben. Manchmal werde ich gefragt, ob es wohl schwierig sei, zu schreiben. Was soll daran schwierig sein? Man muß doch nur die 26 Buchstaben des Alphabets in die optimale Reihenfolge bringen – und schon ist das Buch fertig. Zur Zeit versuche ich es gerade mal wieder...